Siehe, ich mache alles neu! – Predigt zur Jahreslosung 2026

Der gesprungene Teller
Ein Teller ist mir Anfang des letzten Jahres heruntergefallen. An dem Tag, als es passierte, lag auf ihm ein saftiger mit Puderzucker bestäubter Haselnusskuchen. Der war nun übersät mit kleinen Kieselsteinchen und Dreck, denn natürlich war mir der Kuchenteller nicht in der Küche heruntergefallen, sondern draußen auf dem Bürgersteig. Ich hatte ihn in den Kofferraum des Autos stellen wollen. Hatte ihn für den Besuch bei meiner Großmutter gebacken. Und nun lag er da, ungenießbar geworden. – Und der Teller? Ein Stück vom Rand war abgesprungen, er war nicht völlig kaputt, hatte aber doch unschöne Macken abbekommen.
Während ich gebückt die Scherben vom Boden zusammensuchte, weinte ich über die Brüche. Denn dieser blau-grau lasierte Teller war nicht irgendein Teller, kein weißer Allerweltsteller von Ikea – langweilig und austauschbar. Nein, den handgetöpferten Teller hatte ich geschenkt bekommen von jemandem, der mir sehr wichtig ist und dieser Jemand ist tot. Dieser Teller, dessen Farben mich an das Meer erinnern, das an die Küste von Bornholm brandet, woher er kommt, dieser Teller steht für mich symbolisch für eine Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. Die Scherben waren sprichwörtlich zu dem geworden, was in meinem Leben kaputtgegangen war.  

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und der auf dem Thron saß, Gott, spricht: Siehe, ich mache alles neu! (Off 21, 5)

Mit Scherben und Bruchstücken in der Hand, mit Rissen im Herzen, regt dieser Vers, die Jahreslosung für das neue Jahr zum Widerspruch. Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Doch ich bin skeptisch. Alles neu? Will man das denn immer? Will ich das denn? Was heißt denn „alles“ und was ist eigentlich „neu“? Manch einer ist bereits ermüdet von all den Neuerungen, denen wir uns so oft fügen müssen. Ist „neu“ denn immer besser?

Das neue Jahr
Vor uns heute liegt das neue Jahr, voller Erwartungen und doch noch verheißungsvoll leer. 2026 ist gerade mal knappe 12 Stunden alt – 364 Tage und 12 Stunden liegen also noch komplett unberührt vor uns wie ein großer Stapel weißes Papier oder, um im Bild des Geschirrs zu bleiben: Vor uns steht ein riesiger Turm voller leerer Teller. Unbenutzt, sauber, ohne Risse in der Glasur, ohne abgesprungene Ränder – oder? Was wird uns das Leben dieses Jahr darauf präsentieren? Süßen Kuchen, saure Zitronen oder doch bitteren Chicorée? Werden einzelne Teller zu Bruch gehen, werden Ecken abplatzen oder werden wir entdecken, dass manche Teller im Stapel anders als die anderen aussehen und scheinbar nicht zu den anderen passen? Sind die Teller wirklich alle neu und unversehrt?
Schauen wir uns den Stapel etwas genauer an: Da im Oktober – zwischen dem 1. und dem 3. Teller, da sehe ich in meinem Stapel einen dunkelblauen, fast schwarz glasierten mit Rissen und außerdem fehlt schon eine Ecke. Kurz darunter liegt einer mit durchgehendem Sprung. Einmal zu hart auf den Tisch gestellt und er wird in zwei Teile brechen.

Also doch nicht alles neu?
Die Jahreslosung stammt aus dem Buch der Offenbarung des Johannes. Sie kennen diesen Text auch als Apokalypse. Apokalypsis heißt so viel wie Enthüllung. Es wird also ans Licht gebracht werden, was Gott mit der Welt vorhat. Geschrieben ist der Text in einer Zeit, als Christinnen und Christen eine baldige Neuschöpfung erwarteten und auf Frieden und Glück im kommenden Gottesreich hofften. Nicht mehr lange, mahnt der Autor Johannes, macht euch bereit, ändert euer Leben radikal. Grenzt euch jetzt sofort vom Rest der Gesellschaft ab. Nur wer jetzt sofort restlos anders lebt als all die verblendeten Römer mit ihrem irdischen Kaiserkult, wer jetzt vollkommen nach den Regeln Gottes lebt und handelt, seinen Blick zum Himmel richtet, der wird in der Neuschöpfung gerettet werden, der wird das segensreiche Handeln Gottes erfahren und erlöst werden. Über dem steht Gottes Verheißung: Siehe, ich mache alles neu!
Doch nicht etwa so wie vor langer Zeit Gott die Welt aus Finsternis und Chaos schuf, indem er das sprichwörtlich gewordene Tohuwabohu ordnete, Tiere, Pflanzen und Menschen neu ins Leben rief und Regeln aufstellte. Nein, hier in der Offenbarung des Johannes ist eben keine grundlegende Neuschöpfung aus dem Nichts gemeint, sondern eine erneuerte Schöpfung mit dem, was schon da ist.
Am Ende der Erschaffung der Welt aus Unordnung und Dunkelheit heißt es: Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.  Ja, über der Erschaffung der Welt stand einstmals: Siehe, es war sehr gut. Und das verstehe ich so: Gott will seine eigene Schöpfung nicht komplett einstampfen, dem Erdboden gleichmachen, ja radikal vernichten und zerstören, um dann aus den Trümmern wieder neu zu schaffen. Gott will die Welt erneuern, will das Unterste nach Oben kehren, Schwache stark machen und Müde aufrichten. Er will das verschwinden lassen, was Schmerz und Leid verursacht. Vor dem verheißungsvollen Siehe, ich mache alles neu, steht nämlich folgendes:  3Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Ähnlich wie die Friedensvisionen, die der Prophet Jesaja bereits in alttestamentlicher Zeit herbeigesehnt hat, geht es hier um eine radikale Umkehr aller irdischen Verhältnisse, nicht um eine Zerstörung. Es ist die Vorstellung eines allumfassenden Friedens, wo Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln werden. Wo Wolf und Lamm beieinander weiden werden und keine Kinder sterben.
Sehen wir genauer hin, so können wir bemerken: Es geht nicht darum, alles bisher Dagewesene abzulehnen, aufzulösen und komplett neu zu machen. Denn den allumfassenden Frieden begreifen wir doch nur, weil wir Krieg und Hass kennen, weil die Pflugscharen einmal Schwerter waren. Das Bedeutende daran, dass Löwe und Lamm beieinander liegen, erkennen wir nur, weil wir wissen, wie brutal die Natur sonst ist und sich kein Löwe je mit Stroh zufriedengegeben hat. Das Drastische am Abwischen aller Tränen verstehen wir nur, weil wir Tod und Trauer kennen, weil jede und jeder von uns bereits Zeiten der Verluste durchlebt hat.

Erneuert mit den alten Rissen
Natürlich gibt es Manches im Leben, auf dass wir gern verzichtet hätten. Schmerz, an den man nicht erinnert werden möchte. Falsche Entscheidungen, die man gern rückgängig machen würde. Doch neu können wir nur werden, weil wir das Alte, die Risse und Brüche, das Fehlerhafte des Lebens in uns und mit uns tragen. Sie haben uns zu denen gemacht, die wir heute sind. Sie haben uns geprägt und geben uns die Erkenntnisse und Möglichkeiten zur Veränderung, zum Neuwerden. Eben, weil das Alte nicht weg ist, sondern in uns eingebrannt.
So wie der Teller. Natürlich könnte ich ihn einfach wegschmeißen und auf dem nächsten Töpfermarkt einen neuen suchen (so wie dieser hier), der dem kaputten ähnlich ist. Nur eben ohne Macken und abgeplatzte Ränder. Aber es wäre nicht der Teller, den ich geschenkt bekommen hatte. Es wäre nicht der Teller, der für eine Zeit steht, die unwiederbringlich vorbei ist und mich doch fürs Leben geprägt hat. Die mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.
Ich habe den Teller nicht ausgetauscht, sondern repariert. Er ist geflickt. Die Bruchstücke fein säuberlich aneinandergeklebt mit einer besonderen Technik, die Risse golden übermalt. Sie haben vielleicht schon davon gehört: Kintsugi – Zerbrochenes wird so wieder zusammengefügt, dass die Bruchstellen sichtbar bleiben. Das Gebrochene, das Verletzte soll nicht versteckt und verneint, sondern ganz bewusst betont werden und sichtbar sein. Die Kintsugi-Technik beruht auf dem japanischen ästhetischen Konzept des Wabi-Sabi, das seinen Ursprung im Zen-Buddhismus hat. Drei einfache Wahrheiten stehen dahinter: Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.
Betrachten wir noch einmal den Teller und hören wir noch einmal die Verheißung, die über dem neuen Jahr steht:
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.
So können wir anerkennen, dass nichts auf Dauer bleibt: der perfekte Teller, ein geliebter Mensch, leider auch der Frieden – nichts bleibt ewig. Wir nehmen wahr, dass nichts abgeschlossen ist. Alles ist im steten Wandel, will und soll geprüft und hinterfragt werden, kann und darf verändert werden. Und nichts, so wissen wir, nichts ist perfekt. Deshalb darf es sich wandeln, darf ich die Brüche des Lebens mit mir herumtragen und an ihnen lernen und wachsen. An ihnen mich verändern und wandeln, ja: neuwerden. Und schlussendlich darf ich stets hoffen: Gott verwandelt mich und Gott verwandelt die Welt. Und über allem wird in großen Lettern stehen: Siehe, es war sehr gut.

Franziska Neudert